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07:36 10.06.2019
Gute Chancen für Handwerker im Industriebetrieb: Wer sich auf seinem Gebiet spezialisiert, kann mit der Anfertigung von Spezialprodukten in kleinen Firmen gutes Geld verdienen. iStockphoto.com/monkeybusinessimages
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Von Nina C. Zimmermann 

Das Gehalt war Eric Jacob am Anfang seines Berufslebens ziemlich egal. „Ich fand es interessant, ein Handwerk zu lernen und etwas Künstlerisches zu machen“, sagt der 28- Jährige. Doch schon während seiner Ausbildung an der Berufsfachschule Glas im thüringischen Lauscha stellte er fest, dass die Arbeit als selbstständiger Glasbläser eine ziemlich brotlose Kunst ist.

Also sattelte Jacob eine Ausbildung zum Apparatebauer drauf – in der Hoffnung, anschließend Kühlapparaturen und ähnliches Glaszubehör für Labore bauen und reparieren zu können. „Das ist eine ganz coole Arbeit, aber es wird selten etwas frei.“ Wer so einen Job einmal hat, behält ihn meist lange. Denn anders als im klassischen Glasbläserhandwerk lässt sich damit gut ein Lebensunterhalt verdienen.

Jacobs Plan hat aber trotzdem funktioniert, wenn auch auf Umwegen: Mittlerweile arbeitet der gebürtige Berliner als Produktionsbetreuer bei dem Spezialglas- Unternehmen Microquartz auf dem Siemens-Gelände in München. Die Firma stellt kilometerlange, hauchfeine Röhrchen aus Quarzglas für Gaschromatografen her. Die Geräte werden zum Beispiel in der Medizin zur Blutanalyse verwendet. Jacobs jetziger Job sei so speziell, „dass man ihn nirgends lernen kann und dass es eine gewisse Unschärfe im Anforderungsprofil gab“, sagt sein Chef Daniel Schichl. Wichtig sei ihm gewesen, jemanden zu finden, der sich mit dem Werkstoff Glas bestens auskennt. „Ich habe gezielt auf die Industrie hingearbeitet“, sagt Jacob. Er freut sich, dass er inzwischen rund 30 Prozent mehr verdient als ein Kumpel, der in Aachen für einen Glasbläser auch ziemlich gut verdient.

„Bei der Bezahlung wird das Handwerk nie mithalten können“, sagt Bernd Stockburger von der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Wenn Handwerker in die Industrie abwandern, dann in aller Regel wegen der besseren Bezahlung.“ Wanderungsbewegungen habe es zwar schon immer gegeben, die gute konjunkturelle Lage habe das Phänomen aber verstärkt. Die Folgen sind gerade für kleine Firmen mit fünf bis zehn Mitarbeitern bedenklich, erklärt der Geschäftsführer für den Bereich Berufliche Bildung. „Jede Fachkraft, die geht, hinterlässt eine enorme Lücke.“
  

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Währen Betriebe in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels über die Verluste ihrer Mitarbeiter klagen, ist für Arbeitnehmer dagegen die Wechselmöglichkeit eine gute Karriereoption. Denn vor allem Feinwerkmechaniker, Elektriker, Metallbauer, Kfz-Mechatroniker und Anlagenbauer aus dem Handwerk sind bundesweit gefragte Industrie-Arbeitskräfte.

Einer Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen zufolge ist etwa die Hälfte der im Handwerk ausgebildeten Mitarbeiter auch im Handwerk geblieben. Rund 25 Prozent arbeiten im Laufe ihres Erwerbslebens in einem Industriebetrieb.

Kein Wunder angesichts dieser Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft im Handwerk verdient demnach derzeit durchschnittlich 2782 Euro, während ein Facharbeiter in einem nicht-handwerklichen Betrieb des produzierenden Gewerbes durchschnittlich 3794 Euro bekommt – knapp ein Drittel mehr.

Punkten könnten die Handwerksbetriebe mit familiärer Arbeitsatmosphäre, mit besseren Arbeitszeiten als in der Industrie und der Tatsache, dass die Mitarbeiter einen erkennbaren Anteil am Firmenerfolg haben.

Dennoch konkurrieren auch vergleichsweise kleine, industriell arbeitende Firmen wie Microquartz mit ihren 13 Mitarbeitern in München mit großen Industrieunternehmen um Fachkräfte – genau wie das Handwerk.


Anita Majnovic ist angehende Industrieelektrikerin. In ihrem Ausbildungsbetrieb in Suhl beschäftigt sie sich zum Beispiel mit dem Spulendraht eines Direktantriebs. Jens-Ulrich Koch/dpa-tmn
Anita Majnovic ist angehende Industrieelektrikerin. In ihrem Ausbildungsbetrieb in Suhl beschäftigt sie sich zum Beispiel mit dem Spulendraht eines Direktantriebs. Jens-Ulrich Koch/dpa-tmn

Als Anita Majnovic ihre Ausbildung beim Automobil- und Industriezulieferer Schaeffler in Suhl begann, hatte sie von Technik und Elektrik, Gleichstrom und Kondensatoren wenig Ahnung. „Ich habe vorher in Kroatien Tourismus studiert, erzählt sie. „Das waren komplett neue Bereiche für mich.“ Wenn sie in der Werkshalle an den Maschinen steht, beschäftigt sich die 26-Jährige statt mit Reisezielen und Buchungsanfragen jetzt mit der Herstellung von Elektromotoren – inklusive Verdrahten, Schweißen und Löten.

Die junge Frau ist eine von zwei Auszubildenden am Schaeffler-Standort im thüringischen Suhl, die dort die Arbeit des Industrieelektrikers lernen. Etwa den Umgang mit Elektromotoren. Bereits jetzt stellt sie Komponenten für das Endprodukt her: Momentan arbeitet sie an einer Maschine, die Spulen für die Motoren produziert.

Die Ausbildung dauert zwei Jahre und ist sehr praxisorientiert. „Man lernt die Basics“, sagt Monika Hackel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Das heißt vor allem am Anfang verdrahten, verdrahten, verdrahten.

Mit der Ausbildung schafft man sich eine gute Grundlage für alle Berufe, die mit Elektronik zu tun haben. Man lernt zum Beispiel, wie man Kabel und Anschlüsse verlegt, Schalter anbringt und Steuerungen einrichtet und programmiert. Wenn im Betrieb eine Störung im System auftritt, machen sich Industrieelektriker für Betriebstechnik auf die Suche nach dem Problem. Industrieelektriker für Geräte und Systeme arbeiten dagegen direkt am Produkt und sind beispielsweise in der Softwareindustrie oder im Maschinen- und Anlagenbau tätig.

Im Anschluss an die Ausbildung ist nach der zweieinhalbjährigen Ausbildung die eineinhalbjährige Weiterqualifikation zum Elektroniker für Betriebstechnik möglich. Ansonsten ist beispielsweise eine Weiterbildung zum Techniker oder Meister möglich.

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