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15:32 13.04.2021
EIN MANN UND SEINE PASSION: Sebastian Kurbach inmitten einiger Relikte aus der nun 125- jährigen Vereinsgeschichte. Florian Petrow

Im Alter lässt das Denkvermögen schon mal nach. Doch wie lautet eine berühmte Weisheit aus den Häschenwitzen, die in den 70er-Jahren in Deutschland Hochkonjunktur hatten? „Hattu Kopf wie Sieb, muttu notieren!“ Oder adaptiert auf Hannover 96 und seine 125-jährige Historie: „Wissen heißt, zu wissen, wo es steht. Oder zu wissen, wer es wissen könnte“, sagt Sebastian Kurbach, seit 2012 hauptamtlicher Archivar des Vereins. Offiziell ist er Einzelkämpfer, doch mithilfe von Studenten, Praktikanten sowie Angestellten aus anderen Bereichen des Klubs recherchiert, archiviert, katalogisiert, inventarisiert und forscht Kurbach. Gerade erst ist der 43-Jährige (einen Tag nach seiner Geburt im August 1977 unterlag 96 in der 2. Liga mit 0:3 beim 1. FC Bocholt, wie der historische 96-Kalender auf Kurbachs PC ausspuckt) mit seinen unzähligen Schätzen aus dem ehemaligen Vereinssportzentrum an der Clausewitzstraße an einen neuen Standort umgezogen.

Gundlach

„Unzählig“ trifft es allerdings gar nicht recht, denn just mit der Mengenbestimmung beschäftigen sich Kurbach und seine Helfer gerade. „Ein Archivumzug ist nicht wie ein privater, bei dem man in der neuen Wohnung alles innerhalb von einer Woche aus den Kartons packt“, erklärt Kurbach. Vielmehr müsse jedes Objekt bewusst bewertet und abgelegt werden. „Der gesamte Bestand wird einmal durchgerührt“, nennt er das. „Und um nicht den Überblick zu verlieren, ist eine Inventur notwendig.“ Aktuell macht er sich daran, Plakate und große Bilder zu sichten. Aufs Stichwort: „Wir suchen einen Planschrank für DIN-A0-Formate“, sagt Kurbach. Wer ein solches Möbel abzugeben habe, könne sich gern melden.


"Wissen heißt, zu wissen, wo es steht. Oder zu wissen, wer es wissen kann."

Sebastian Kurbach, Archivar des Vereins


ENTSCHULDINGEN SIE, IST DAS DER SONDERZUG NACH GÖTTINGEN? Mit Tanzwagen ging es im Jahr 1956 nach Südniedersachsen, wovon dieses Spielankündigungsplakat zeugt. Florian Petrow
ENTSCHULDINGEN SIE, IST DAS DER SONDERZUG NACH GÖTTINGEN? Mit Tanzwagen ging es im Jahr 1956 nach Südniedersachsen, wovon dieses Spielankündigungsplakat zeugt. Florian Petrow

Mittlerweile habe das Archiv die stolze Zahl von etwa 10 000 Inventarnummern erreicht, schätzt Kurbach. „An Einzelobjekten müssten es deutlich über 100 000 sein.“ Stadionmagazine, Pokale, Schuhe, Fotos, Bücher, Wimpel, Fanartikel, CDs, DVDs, Filmrollen und, und, und. „Das ist teilweise auch eine Technikzeitreise“, sagt Kurbach und deutet auf den VHS-Rekorder vor sich.

Auch an Spielkleidung ist durch Nachlässe und Spenden einiges zusammengekommen. Auf solche Zuwendungen ist der Archivar angewiesen, denn: „Wir kaufen und verkaufen nichts.“ Geschätzt 350 Trikots hängen im Tiefparterre des neuen Zuhauses an der Vahrenwalder Straße, in dem bis zuletzt – wie passend – ein Modevertrieb ansässig war. „Wir sind aber keine Sammler und konkurrieren auch nicht mit ihnen“, erläutert der studierte Historiker. Ohnehin müsse man akzeptieren, dass „bestimmte Dinge in Vergessenheit geraten dürfen“. Der Anspruch, alles Wissen jederzeit verfügbar zu machen, sei nicht zu halten. „Denn wenn du alles aufhebst, hast du das Problem, dass du trotzdem nichts mehr findest.“

Und so gibt es Lücken: Ein Dress aus der Saison 1976/1977 mit dem Logo des Pelzhändlers Epon (schwarzer Marder auf gelbem Grund), dem ersten Trikotsponsor der Vereinsgeschichte, fehle im Bestand beispielsweise. „Wenn wir eins fänden, würde ich es sicher übernehmen. Aber dass wir bisher keins haben, bereitet mir keine schlaflosen Nächte“, sagt Kurbach.

Doch er versteht sich nicht nur als Verwalter der Vergangenheit, sondern hält sie am Leben. Als 96-Geschichte(n)erzähler. Bei Vorträgen und an selbst erdachten Quizabenden bringt er seine Erkenntnisse pointiert und mit rhetorischem Geschick unter die Leute. Facharbeiten oder Dissertationen betreut er regelmäßig: „Das Thema Sportgeschichte gewinnt an Fahrt.“ Wenn er begeistert fragt, munter parliert und selbst augenscheinlich große Freude dabei empfindet, erinnert er manchmal an den früheren Komiker Heinz Erhardt, was nicht nur daran liegt, dass auch Kurbach stets mit Krawatte bei öffentlichen Anlässen auftaucht. „Das hat auch was mit Respekt gegenüber dem Publikum zu tun“, erklärt der Vater einer Tochter. „Um zu zeigen, dass es nicht nur um bunte Trikots und lustige Spielergebnisse geht. Mein Anspruch war immer, dass Fußballgeschichte oft nur der Aufhänger ist, sich über wirklich wichtige Themen zu unterhalten.“

Im staubigen Archivraum Kartons auszupacken, gehört zwar auch zu seinem Alltag, doch es geht um mehr. „Wir sind das Gedächtnis von Hannover 96“, sagt Kurbach, um jedoch einzuschränken: „Aber nicht die interpretierende Stelle. Wir vermitteln keinen Glauben, sondern Wissen.“ Womit wir direkt beim Verhältnis zum Rivalen – rechter Hand auf der Niedersachsen-Karte – wären. „Meine Lieblingslegende ist, dass es die Feindschaft zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig schon immer gegeben hätte. Das ist richtiger Quatsch“, sagt Kurbach. „Das hat sich nämlich erst seit den 70er-, 80er-Jahren, verstärkt sogar erst seit den Neunzigern herausgebildet und geht zurück auf eine Rivalität jugendlicher Fangruppen. Ich habe schon einige Veranstaltungen mit dem Archivar von Eintracht Braunschweig gehalten, aber man kriegt es nicht aus den Köpfen raus.“

Was plant ein Historiker denn für die Zukunft? Kurbach lacht. Der Aufbau einer Arbeitsgemeinschaft zum Erarbeiten verschiedenster Themen sei angedacht, sobald es Corona wieder zulässt. „Ich möchte alle Interessierten rund um das 96-Archiv gerne zusammenholen“, sagt Kurbach. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich gern per Mail melden: sebastian. kurbach@hannover1896.de.

Schwarmintelligenz ist gefragt. Ganz getreu dem 96-Motto: Niemals allein. Ole Rottmann
        

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