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15:33 13.04.2021
AUF ZWEI RÄDERN UND ZWEI BEINEN: Wo früher die Radrennbahn stand und Hannover 96 seine erste Heimat fand, rauschen heute Autos durch den Tunnel am Pferdeturm und gehen täglich zahlreiche Menschen ihrer Arbeit nach. Da ging es früher doch deutlich beschaulicher zu – hier festgehalten auf einer Postkarte, die 1904 abgestempelt wurde. Privat

Bult, Zoo, Calenberger Neustadt. In diese drei Stadtteile hat es Hannover 96 während der vergangenen 125 Jahre in chronologischer Reihenfolge verschlagen, wenn es darum ging, seine Heimspiele auszutragen. Die aktuelle sportliche Heimat HDI-Arena in unmittelbarer Nähe des Maschsees bietet dem Klub dabei nun schon am längsten ein Obdach und dürfte den meisten bekannt sein. Ganz egal, ob sie einen tieferen Bezug zu Hannover und 96 haben oder die niedersächsische Hauptstadt maximal vom Hörensagen kennen. Und durch seine charakteristische Architektur mit der unverwechselbaren asymmetrischen Dachreling, die sich schwungvoll über das Arenaoval legt, ist das wichtigste Stadion der Stadt auch von weit her bestens zu erkennen. 

Beim letzten größeren Umbau, anlässlich der Weltmeisterschaft 2006 in den Jahren 2003 bis 2005, wurde lediglich der westliche und damit der am meisten Zuschauer fassende Teil des Stadions in seiner grundsätzlichen Form beibehalten. Die Tribünen in den übrigen Himmelsrichtungen hingegen wurden abgerissen und – bei Wegfall der früheren Laufbahn rund um das Fußballfeld – dichter am Rasen neu errichtet. Seitdem fasst die Arena für Fußballspiele, bei denen der Verkauf von Stehplätzen erlaubt ist, 49 200 Zuschauer.

Heinz von Heiden Massivhäuser

Der Sanierung fielen auch die vier alten Flutlichtmasten, im Volksmund liebevoll Zahnbürsten genannt, zum Opfer, die seit ihrer Installation 1965 die Stadtsilhouette mitgeprägt hatten. Die nachträglich errichtete Beleuchtung war ein Geschenk der Stadt Hannover anlässlich des 96-Aufstiegs in die Bundesliga 1964 – ein Jahr nach deren Einführung. Kurios – und heute nahezu unvorstellbar: Als der Rasen des herausgeputzten Stadions im Dezember 1965 erstmalig von vier Seiten illuminiert wurde, spielte laut Hardy Grünes 2009 erschienener Vereinschronik „Rote Liebe – Die Geschichte von Hannover 96“ dem festlichen Anlass angemessen eine gemischte Mannschaft aus Spielern von 96 sowie dem heutigen Erzrivalen Eintracht Braunschweig gegen das Nationalteam Rumäniens. Beste Sicht herrschte offenbar, denn der niedersächsische Hybrid gewann mit 3:1.

Bevor 96 im Jahr 1964 dauerhaft ins auf 2,33 Millionen Kubikmetern Kriegstrümmern erbaute Niedersachsenstadion gezogen war, wie die Spielstätte hieß, ehe sie 2002 zunächst in AWD- und 2013 in HDI-Arena umbenannt wurde (die Namensrechte sind bis 2022 an den Versicherungskonzern vergeben), war das Eilenriedestadion für kurze Zeit seine feste Heimat gewesen. Zwar hatte 96 schon im Mai 1922 erstmalig auf dem früher Hindenburg-Kampfbahn oder Stadion der Stadt Hannover genannten Platz gekickt – so fand anlässlich der Eröffnung ein Spiel gegen die Stuttgarter Kickers (2:3) statt. Doch wurde das neue Areal vis-à-vis der Stadthalle anfangs nur zu besonderen und zuschauerträchtigen Anlässen, wie beispielsweise den Endrunden um die deutsche Meisterschaft, in Anspruch genommen. Im April 1937 verfolgten 60 000 Zuschauer das Länderspiel zwischen Deutschland und Frankreich, die teilweise auf eigens aufgestellten Stahlrohrtribünen Platz fanden.

Schauen durch den Maschendraht: Im April 1966 ist der Charme des Niedersachsenstadions – hier ein Blick aus der Nordkurve – ein anderer als der in der heutigen HDI-Arena. Archiv
Schauen durch den Maschendraht: Im April 1966 ist der Charme des Niedersachsenstadions – hier ein Blick aus der Nordkurve – ein anderer als der in der heutigen HDI-Arena. Archiv

Auch der Besucherrekord des Niedersachsenstadions stammt aus dem Duell dieser beiden Nationen. Mehr als die 86 656 Zuschauer, die ein Vierteljahr nach dem WM-Titel 1954 die Mannschaft um Toni Turek und Ottmar Walter bei ihrer 1:3-Niederlage bewundern durften, fanden dort offiziell nie Einlass. Das Fünffache an Tickets hätte vermutlich abgesetzt werden können.

Erst Mitte der Fünfzigerjahre zogen die Roten dauerhaft an den Rand des Stadtwaldes, blieben aber nur knapp ein Jahrzehnt. In der Saison 1973/1974 trug 96 dann noch einmal drei Bundesliga-Partien in der Eilenriede aus, weil das Niedersachsenstadion zu dieser Zeit eine Baustelle war. Doch: Ende gut, alles gut. Vor etwas mehr als fünf Jahren wurde das Eilenriedestadion renoviert und bietet seitdem etlichen 96-Juniorenmannschaften sowie dem Nachwuchsleistungszentrum ein modernes Zuhause.

Die Heimat des Klubs zu Beginn der bewegten Vereinshistorie war aber noch eine andere – wenn auch nur etwa einen Kilometer entfernt vom heutigen Nachwuchsstützpunkt. In der seit Anfang der 60er-Jahre nach und nach abgerissenen Radrennbahn, die sich am damaligen Misburger Damm – in etwa an der Stelle der heutigen Messeschnellwegunterführung am Pferdeturm – befand, fühlte sich 96 in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens zu Hause. Noch im Jahr seiner Gründung trat eine 96-Mannschaft dort erstmalig zu einem Rugbyspiel an, später mietete der Verein den Innenraum des Stadions dauerhaft. Ein Höhepunkt war der Auftritt gegen Tottenham Hotspur vor 10 000 Zuschauern im Jahr 1914. Die Briten siegten mit 6:3.  Ole Rottmann

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